» Die neue Hörerlebnis-CD mit der Gruppe STOKES
Irish Folk in klassischer Technik

von Winfried Dunkel

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Irische Folklore - musikalischer Ausdruck jener Insel mit wechselvoller, nicht selten dramatischer Geschichte, deren Ereignisse deutlich ihre Spuren in der irischen Musik hinterlassen haben. Angesichts des historischen Hintergrundes erklärt sich die Mentalität der Menschen: Lebenslust und Schwermut, Aggression und der Wunsch nach Frieden liegen oft dicht beeinander und die Musik hat all das involviert und zeigt sich von unverwechselbarer Art - klangschöne, charakteristische Melodien, dramatische Balladen ... ein großes, facettenreiches Spektrum.

Aufgabenstellung Musik solcher Inhaltsschwere glaubhaft rüberzubringen, bedarf gewissenhafter Planung und ebensolcher Arbeit. Es waren zwar lediglich vier Musiker aufzunehmen (Ariane Böker: Violine, Tin-Whistle; Jörg Gleba: Banjo, Bouzuki, Mandoline; Kevin Weishof: Gesang, Gitarre sowie Roman Koput: Gitarre, Laute, Schlagwerk), doch sollte dieses Ensemble in weiträumiger, tragender Akustik agieren, welche den Rezipienten beim Abhören über eine entsprechend leistungsfähige Hifi-Anlage umfängt, ihn förmlich in die erste Reihe des Saales portiert. Die Wiedergabe muß räumliche Weite und Höhe realisieren, die Positionen von Instrumenten und Sänger genau darstellen und nachvollziehbare Oben/Unten-Ortung ermöglichen. Wir (Marco Kolks, Produzent; Winfried Dunkel, Tontechnik) sind sicher - soviel vorweg -, daß die gestellte Aufgabe überzeugend gelöst wurde. Nicht zuletzt deshalb, weil wir uns Zeit ließen: Am 28. April 2004 trafen wir uns zum Zwecke des Aufbaus der Technik, zum Mikrophon- und Sound-Check sowie Besprechung der aufzunehmenden Titel, 29. und 30.4. wurde es "ernst": jetzt lief das Band. Wie beim Hörerlebnis üblich, ging es humorig zu, wurde hier und da gefrotzelt - unter'm Strich ergab sich die von uns als äußerst wichtig erachtete Teamarbeit.

Raum und Aufnahmetechnik Den geeigneten Raum fanden wir in Unna-Massen - ein Saal von schätzungsweise 45m Länge und rund 20m Breite. Die walmdachartige, mit Akustikdämmplatten versehene Decke weist eine Höhe von sieben bis acht Metern auf. Da der mit Pegulan belegte Betonfußboden zur reflektierenden Sorte zählt, in Richtung Decke dagegen Dämpfung gegeben ist, stand zu erwarten, daß die oben dargestellten Anforderungen erfüllbar waren. An diesen für's Publikum vorgesehenen Saalteil schließt sich noch eine große Bühne mit Vorhang an. Die Musiker stellten (bzw. setzten) wir ins vordere Drittel des Saales und hielten zwecks Rückwärtsdämpfung den genannten Vorhang geschlossen. Nun hätte ich, wie von den Musikern wohl erwartet, ganz zeitgeistig mit zahlreichen Mikrophonen und digitalem Aufzeichnungsgerät arbeiten können. Daß ich Hard-Disc-Recording aus guten Gründen strikt ablehne (Bildschirme, Festplatten, Programme und Mäuse haben nach meiner Überzeugung in der Musik nichts zu suchen), war ihnen bekannt, doch das "Equipment", welches ich für die Aufnahme installierte, verschlug der Dame und den Herren Musikern zunächst die Sprache. Dann: "Ist das alles!?" "Ja - ihr seid doch nur zu viert!" Was war Sache? Ganz einfach: Analoge Aufnahme mit der professionellen Reportage-Bandmaschine NAGRA IV-S und lediglich zwei Kondensatormikrophonen Sennheiser MKH 40 P48 (Richtcharakteristik Niere) in ORTF-Konfiguration (dazu weiter unten mehr). Die NAGRA verfügt über alles, was man zur Aufnahme benötigt; dazu gehört die Stromversorgung für die Kondensatormikros (hier: Phantomspeisung 48 V) genau wie normgerechte Spitzenpegel-Aussteuerungsanzeigen (peak meter). Gleichlauf und Schlupf sind ebenso perfekt wie bei großen stationären Studiomaschinen, was auch für den Geräuschspannungsabstand (beträgt 71 dB CCIR bei 38cm/s) und die Übersprechdämpfung (>60 dB bei 1 kHz) gilt. Natürlich lief die NAGRA auf Batteriebetrieb, was eventuelle Netzprobleme außen vor ließ. Natürlich hätte ich meine Telefunken M 15 und ein Mischpult einsetzen können, doch hierbei anstehende logistische Probleme (die M 15 wiegt 53 kg) sowie die bei Transporten latente Beschädigungsgefahr meines liebevoll gewarteten und gepflegten, optisch neuwertigen Museumsstückes (Baujahr 1972) ließen mich solche Gedanken rasch verwerfen. Außerdem: Angesichts der guten Raumakustik und des kleinen Ensembles hätte ich es für wenig sinnvoll gehalten, ausufernde Technik zu verwenden. Die NAGRA paßt in einen handlichen, stabilen, inwendig gepolsterten Alu-Koffer - und hat und kann alles, was man vor Ort benötigt. Wie ich den Musikern maliziös sagte: "1983 habe ich mit der NAGRA im Hochland von Perú Aufnahmen gemacht - und was sich in Ayacucho, Cuzco und anderen Städten bestens bewährte, funktioniert wohl auch in Unna..." Die Bandmaschine lief selbstverständlich mit 38cm/s. Unlängst war gerüchteweise zu vernehmen, daß 19cm/s "besser klinge". Da hat jemand die Zusammenhänge nicht verstanden; unumstößliche Tatsachen: Mit 38cm/s Bandgeschwindigkeit ergeben sich (u.a.) eindeutig bessere Dynamikwerte, Detail- und binnenstrukturelle Durchzeichnung des Klanggeschehens sind logischerweise der für technisch weniger anspruchsvolle Kopien und den gehobenen Amateurbereich gedachten 19er Geschwindigkeit deutlich überlegen. Wie professionell üblich, zeichneten wir - wie gesagt - mit der qualitativ optimalen Bandgeschwindigkeit von 38cm/s auf. Zur Schallspeicherung braucht man Tonbandmaterial. Ich verwende seit vielen Jahren ausschließlich das rundfunktypische und -bewährte BASF LGR 50, das abermals eine sehr rauscharme und präzise Aufzeichnung garantierte. Der analoge Spitzenpegel der Aufnahme beträgt +6 dB und entspricht auch damit den ARD-Normen. Von diesen bewußt abweichend zeigt sich der Korrelationsgrad und damit die Abbildung in der Basisbreite: Korrelationsgradwerte von 0 bis +0,7 dokumentieren eine Aufnahme mit sehr großen Raumanteilen, nämlich überdurchschnittlicher Breite und Tiefe. Die Abbildung des Klanggeschehens reicht über die Basisbreite hinaus (was, sendetechnisch bedingt, beim Rundfunk vermieden wird), neben ihren Standorten werden zudem die positionalen Höhen der Musiker korrekt dargestellt - z.B. der Sänger steht, spielt dazu die räumlich tiefer ertönende Gitarre, die im Sitzen gespielte Violine erscheint gleichfalls räumlich tiefer als die im Stehen intonierte Tin-Whistle; die Musik erklingt in natürlicher räumlicher Gesamthöhe, wobei auch je nach Titel, instrumental bedingt, geringfügig andere Musiker-Positionen auszumachen sind. All dies ermöglicht die verwendete Mikrophon-Konfiguration und -Positionierung: die ORTF-Technik. Vom französischen Rundfunk (daher der Name) entwickelt, handelt es sich hierbei um eine Variante der Klein-A-B-Technik. Die bei A-B unvermeidlichen gegenphasigen Schallanteile werden bei ORTF durch (in der Draufsicht) einen Winkel der Mikros von 110° zueinander ausgeblendet (Auslöschungswinkel der Nierenmikrophone). Der Kapselabstand beträgt üblicherweise 17cm; zwecks Erzielung vermehrter Rauminformation habe ich diesen Abstand verändert und spezielle Aufstellungshöhe und Neigungswinkel praktiziert. Näheres möchte ich nicht preisgeben - selber denken macht Spaß... Als Abhöre vor Ort diente mein langjährig bewährter elektrostatischer Kopfhörer STAX Lambda pro mit Diffusfeldentzerrer ED-1 Monitor und Class-A-Verstärker SRM-1/MK 2. Da ich das Gerät kenne, ließ sich die Mikrophonanordnung zielsicher konzipieren. Zu Hause, im Tonstudio, wurden die Richtigkeit der angewandten Konfigurationen via Geithain RL 903 voll bestätigt. Ins Schwarze - wer sagt's denn... Um den Musikern erste Eindrücke zu vermitteln und Entscheidungen bezüglich der erreichten Interpretationsqualität zu ermöglichen, spielten wir ihnen die jeweiligen Stücke über den Vollverstärker RG 14 von Symphonic Line und Zweiweg-Lautsprecher von ELAC vor. Wie ersichtlich, insgesamt leicht überschaubare Technik, die den Vorteil besaß, der Musik nicht im Wege zu stehen.

Schnitt und digitales Premaster Wenige Tage nach den Aufnahmen besuchten mich Jörg (Banjo etc.) und Kevin, der Sänger der Gruppe "Stokes" - ein bißchen mißtrauisch ob der ihnen ungewohnten Technik waren die beiden immer noch. Die recht umfängliche Ausrüstung meines Tonstudios wirkte allerdings schon etwas beruhigend... Nachdem zwei Titel erklungen waren, schauten Jörg und Kevin sich an, dann folgte der Kommentar: "Hey, das klingt ja toll!" Blick auf die NAGRA: "Hätte ich dem kleinen Ding nicht zugetraut." Und einige takes später: "Ich glaube, wir sollten mal ohne PA-Anlage auftreten..." Kein Einspruch... Im Laufe des Nachmittages waren Titelreihenfolge und die hierbei zu verwendenden takes festgelegt (wir hatten, wie üblich, jedes Stück mehrfach eingespielt, um schlußendlich die bestgelungenen aneinanderzufügen). Die heikelste Arbeit ist ohne Frage das Schneiden - daher wird ein Original-Masterband üblicherweise zunächst kopiert und diese Kopie dann zum Produktions-Master zusammengestellt. Doch wir wollten den Entstehungsweg so kurz wie möglich halten, daher unternahm ich - wie bei den meisten meiner anderen Aufnahmen auch - das Hasardspiel namens "Schneiden des Original-Masters". Dabei ist äußerste Vorsicht angesagt, wenn man nämlich bei dieser Prozedur etwas versiebt, gibt's keine Rettung mehr: wird beispielsweise irgendwann ein Ein- respektive Ausschwingvorgang angeschnitten, stehen die Chancen, jenen Bandschnippsel von wenigen Millimetern Länge aus dem Wust der luftschlangenartigen Abfallbänder wieder herausfischen zu können, ungefähr auf dem Niveau der Stecknadel im Heuhaufen... Gleiches gilt für die Montage der Gelbband-Trennungen, welche die Pausen zwischen den einzelnen Titeln markieren. Doch abermals ging alles glatt und der Übertragung in das digitale Format DAT mit CD-üblicher Abtastrate 44,1kHz stand nichts mehr im Wege. Hierzu überspielte ich das fertige Analogmaster von der Telefunken M 15 über das EMT-Mischpult 10.00.02 und die A/D-Sektion des Wandlersystems RTW DistriCon modular auf den professionellen DAT-Recorder Panasonic SV-3800, der mithin lediglich als Laufwerk fungierte - die Wandlung besorgte logischerweise das externe RTW-System. Erwähnenswert scheint mir: Unsere CD verfügt in guter alter Tradition über 3 dB Headroom, die von mir "Brüllscheiben" genannten "modischen" Produktionen wollten wir definitiv nicht nachahmen. Folglich wandte ich meine bewährte, hausübliche Konfiguration an: Der Spitzenpegel des analogen Masters beträgt +6 dB, das ergibt bei normgerechter Durchpegelung des Mischpultes -3 dB auf digitaler Seite. Solchermaßen ergibt sich die von ernsthaften Musikfreunden berechtigterweise geschätzte 1 zu 1-Überspielung. Nicht nur klanglich, sondern auch dynamisch sind analoges Original und digitales Pre-Master nicht zu unterscheiden. Damit dies auf die CD ebenfalls zutrifft, also keinerlei Manipulationen stattfinden, beauftragten wir Pauler Acoustics in Northeim mit der Herstellung des für die CD-Produktion erforderlichen "Production-Masters". Selbiges unterscheidet sich vom Pre-Master nur insofern, als es die für die CD erforderlichen Lead-in-Codierungen, Titelnummern etc. enthält. Und um letztlich sämtlichen denkbaren Eventualitäten vorzubeugen, verzichteten wir zudem auf jeglichen Kopierschutz, da dieser erfahrungsgemäß dem Klang solchermaßen befrachteter CDs abträglich ist. Wozu auch Kopierschutzmaßnahmen? Jeder Zehnjährige kann heute mit entsprechenden Programmen via PC jede noch so kopiergeschützte CD vervielfältigen. Also läßt man es besser gleich und achtet statt dessen auf maximale Klangqualität. Fazit: "Irish Folk in klassischer Technik" übertitelte ich diesen Bericht. Klassische Technik - denn wir fertigten Aufnahme und Digitalmaster ohne jegliche Computer-Unterstützung: Die analoge Aufnahme mit mobilem Top-Equipment, der Schnitt in Handarbeit, die Übertragung in das digitale Medium mittels rundfunkbewährter Bandmaschinen-, Mischpult-, Monitor- und Wandlertechnologien. Die anfangs genannten Vorgaben haben wir, so denke ich, erfüllt. WD


Ariane Böker: Violine, Tin-Whistle

Roman Koput: Gitarre, Laute, Schlagwerk

Jörg Gleba: Banjo, Bouzuki, Mandoline

Kevin Weishof: Gesang, Gitarre

Winfried Dunkel und seine Nagra